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Wenn aus Gewerbegebieten Stadtquartiere werden: Wie sich unsere Arbeitsorte neu erfinden

aktualisiert: 12. September 2026 12:23
Gewerbegebiet Henrichshütte in Hattingen
Gewerbegebiet Henrichshütte in Hattingen © Marco Wicke / stock.adobe.com

Über Jahrzehnte war die Aufgabenteilung vieler Städte erstaunlich eindeutig: In den Wohnvierteln wurde gelebt, in der Innenstadt wurde eingekauft und ausgegangen, während am Stadtrand oder entlang großer Verkehrsachsen gearbeitet wurde. Dort entstanden Gewerbegebiete mit Produktionshallen, Verwaltungsgebäuden, Lagerflächen und später großen Bürokomplexen. Morgens füllten sich Straßen und Parkplätze, am späten Nachmittag leerten sie sich wieder. Nach Feierabend blieben vielerorts nur beleuchtete Fassaden und weitgehend menschenleere Straßen zurück.


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Dieses Modell gerät zunehmend in Bewegung. Veränderungen der Arbeitswelt treffen auf neue Anforderungen an Stadtentwicklung, Mobilität und Klimaanpassung. Gleichzeitig stehen Kommunen unter Druck, mit vorhandenen Flächen sparsamer umzugehen. Neue Gewerbeareale lassen sich nicht beliebig ausweisen, während ältere Standorte teilweise große Grundstücke beanspruchen, deren Nutzung nicht mehr zu den Bedürfnissen moderner Unternehmen passt. Daraus entsteht eine Frage, die weit über Architektur und Immobilien hinausreicht: Wie müssen Orte aussehen, an denen künftig gearbeitet wird?

Immer häufiger lautet die Antwort, dass ein erfolgreicher Unternehmensstandort mehr sein muss als eine Ansammlung von Gebäuden. Beschäftigte verbringen dort einen erheblichen Teil ihres Tages. Unternehmen konkurrieren um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und achten deshalb stärker auf das Umfeld. Forschung benötigt Räume für Austausch. Dienstleister profitieren von kurzen Wegen. Gastronomie, Grünflächen, Mobilitätsangebote und Aufenthaltsorte erhöhen die Qualität eines Areals, während moderne Energie- und Datennetze zur technischen Grundlage werden.

So beginnt sich die klare Trennung zwischen Gewerbegebiet und Stadtquartier aufzulösen. Aus manchen monofunktionalen Arbeitsorten entwickeln sich Gebiete, die zwar weiterhin wirtschaftlich geprägt bleiben, aber wesentlich mehr Funktionen übernehmen. Sie werden zu Orten für Begegnung, Forschung und Dienstleistungen, teilweise auch für Sport, Freizeit oder Versorgung. Nicht jedes Gewerbegebiet wird deshalb zum gemischten Stadtviertel. Doch die Vorstellung, dass Arbeiten und urbanes Leben möglichst wenig miteinander zu tun haben sollten, verliert sichtbar an Überzeugungskraft.

Das klassische Gewerbegebiet stammt aus einer anderen Zeit

Die räumliche Trennung von Arbeiten und Wohnen hatte gute Gründe. Industriebetriebe verursachten Lärm, Verkehr, Abgase und andere Belastungen. Große Produktionsstätten benötigten zudem Flächen, die in dicht bebauten Vierteln kaum verfügbar waren. Verkehrsplanung war stark auf das Auto und den Lastwagen ausgerichtet. Entsprechend entstanden vielerorts großzügige Gewerbezonen mit breiten Straßen, Parkplätzen und funktionalen Gebäuden.

Für Produktions- und Logistikstandorte ist eine solche Struktur teilweise weiterhin sinnvoll. Eine Spedition stellt andere Anforderungen an ihr Umfeld als ein Softwareunternehmen, ein Forschungsinstitut oder eine Unternehmensberatung. Problematisch wird es jedoch dort, wo alte Planungsideen auf eine Wirtschaftsstruktur treffen, die sich grundlegend verändert hat.

Viele Gewerbegebiete beherbergen heute längst keine klassische Industrie mehr. Stattdessen finden sich Büroarbeitsplätze, Labore, Ingenieurbüros, IT-Unternehmen, medizinische Dienstleistungen, Forschungseinrichtungen oder spezialisierte Mittelständler. Tausende Menschen arbeiten dort täglich, obwohl das Umfeld teilweise weiterhin so gestaltet ist, als bestünde seine einzige Aufgabe darin, Menschen morgens möglichst schnell an ihren Arbeitsplatz und abends wieder nach Hause zu bringen.

Arbeitgeber verkaufen längst nicht mehr nur einen Arbeitsplatz

Der Wandel wird zusätzlich durch den Wettbewerb um Fachkräfte beschleunigt. Ein attraktiver Arbeitsplatz besteht nicht allein aus einem modernen Schreibtisch und einem angemessenen Gehalt. Der Weg zur Arbeit, die Qualität der Umgebung und die Möglichkeiten während des Arbeitstages fließen zunehmend in die Wahrnehmung eines Arbeitgebers ein.

Eine halbe Stunde Mittagspause macht einen Unterschied, wenn ein Spazierweg, eine Grünfläche oder mehrere gastronomische Angebote erreichbar sind. Gleiches gilt für eine gute Verbindung mit Bus, Bahn oder Fahrrad. Wer vor oder nach der Arbeit noch einkaufen, Sport treiben oder ein Kind aus einer Betreuungseinrichtung abholen kann, spart im Alltag Wege und Zeit.

Damit verschiebt sich auch die Betrachtung von Gewerbeimmobilien. Ein Bürogebäude steht nicht isoliert auf seinem Grundstück. Seine Attraktivität hängt ebenso davon ab, was sich vor der Eingangstür befindet. Ein technisch hervorragendes Gebäude kann an einem schlecht erreichbaren Standort an Attraktivität verlieren. Umgekehrt kann ein älterer Standort durch bessere Wege, neue Angebote, zusätzliche Grünflächen und ein durchdachtes Umfeld erheblich gewinnen.

Homeoffice macht gute Arbeitsorte nicht überflüssig

Die stärkere Verbreitung mobiler Arbeit hat diese Entwicklung nicht gestoppt. Sie hat vielmehr verändert, wofür Büros benötigt werden. Wenn Beschäftigte nicht mehr an jedem Arbeitstag zwingend am selben Schreibtisch sitzen müssen, gewinnen Austausch, Zusammenarbeit und persönliche Begegnung an Gewicht.

Das Büro wird damit stärker zu einem sozialen und gemeinschaftlichen Arbeitsort. Besprechungsbereiche, flexible Arbeitsflächen und Räume für spontane Gespräche werden wichtiger. Dasselbe gilt außerhalb des Gebäudes. Eine gemeinsame Mittagspause, ein kurzer Spaziergang oder ein Treffen in einem Café lassen sich nicht vollständig durch digitale Kommunikation ersetzen.

Für Gewerbeparks entsteht daraus eine interessante Entwicklung. Standorte, die früher vor allem möglichst viele Büroquadratmeter bereitstellen sollten, müssen heute überzeugende Gründe bieten, weshalb Menschen gerne dorthin kommen. Aufenthaltsqualität wird damit auch zu einer wirtschaftlichen Größe.

Aus der Mittagspause wird ein Thema der Stadtplanung

Was zunächst banal klingt, zeigt die Veränderung besonders anschaulich. Wo mehrere Tausend Menschen arbeiten, entsteht jeden Tag ein erheblicher Bedarf an Essen, Bewegung, Dienstleistungen und kurzen Erledigungen. Trotzdem wurden viele Gewerbegebiete jahrzehntelang ohne solche Angebote geplant.

Fehlt eine Kantine oder gastronomische Auswahl, führt der Weg in der Mittagspause häufig wieder ins Auto. Fehlen sichere Fußwege, bleiben selbst kurze Entfernungen unattraktiv. Gibt es keine Orte zum Sitzen und keine verschatteten Bereiche, wird der Außenraum lediglich zum Durchgang zwischen Parkplatz und Eingangstür.

Ein moderner Arbeitsstandort betrachtet solche Flächen anders. Der öffentliche und halböffentliche Raum wird nicht mehr nur als Restfläche zwischen Gebäuden verstanden. Bäume, Wege, kleine Plätze, Sitzmöglichkeiten und gastronomische Angebote können dazu beitragen, dass Menschen ein Areal tatsächlich nutzen und nicht lediglich durchqueren.

Daraus muss keine zweite Innenstadt entstehen. Ein Gewerbequartier benötigt weder eine Fußgängerzone noch ein vollständiges Einkaufszentrum. Schon eine sinnvolle Mischung aus Versorgung, Grün und Treffpunkten kann einen erheblichen Unterschied machen. Entscheidend ist, ob sich die Gestaltung am tatsächlichen Tagesablauf der Menschen orientiert, die dort arbeiten.

Forschung und Technologie verändern die Anforderungen

Besonders sichtbar wird der Wandel an Standorten, an denen sich Technologieunternehmen und Forschungseinrichtungen konzentrieren. Innovation entsteht nur selten vollständig abgeschottet. Unternehmen suchen den Kontakt zu Hochschulen, Forschungsinstituten, spezialisierten Dienstleistern und anderen Firmen. Beschäftigte tauschen Wissen aus, gemeinsame Projekte entstehen und junge Unternehmen entwickeln sich aus Forschungsvorhaben.

Räumliche Nähe kann diesen Austausch erleichtern. Trotz Videokonferenzen und digitaler Zusammenarbeit besitzt ein persönliches Gespräch weiterhin einen eigenen Wert. Wer sich auf einem Campus, in einer gemeinsamen Kantine oder bei einer Veranstaltung begegnet, kommt häufig mit Menschen ins Gespräch, mit denen kein formeller Termin vereinbart worden wäre.

Damit verändert sich die Aufgabe eines Gewerbestandorts. Er stellt nicht mehr nur Fläche bereit, sondern schafft im besten Fall ein Umfeld, in dem unterschiedliche Unternehmen und Einrichtungen voneinander profitieren können. Aus benachbarten Adressen kann ein wirtschaftliches Netzwerk entstehen.

Nürnberg zeigt, wie sich bestehende Standorte weiterentwickeln können

Ein anschauliches Beispiel findet sich im Nordosten Nürnbergs. Das dortige Areal ist seit Jahren durch Büro-, Technologie- und Forschungsnutzungen geprägt. Zu den Einrichtungen im Umfeld gehört das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS, dessen Forschungsarbeit eng mit Technologien verbunden ist, die für Digitalisierung, Kommunikation und vernetzte Anwendungen relevant sind. Neben Unternehmen verschiedener Branchen entsteht dadurch ein Umfeld, in dem Wirtschaft und Forschung räumlich vergleichsweise eng zusammenliegen.

Gerade am Nordostpark Nürnberg lässt sich erkennen, wie sich die Anforderungen an etablierte Unternehmensstandorte verändern: Bürogebäude, Forschungsnutzungen, unterschiedliche Unternehmen, Verkehrsverbindungen und Freiräume müssen heute stärker zusammen gedacht werden als noch vor einigen Jahrzehnten. Ein Areal wird dadurch nicht automatisch zum klassischen Stadtviertel, kann aber zunehmend Eigenschaften entwickeln, die über die reine Bereitstellung von Arbeitsflächen hinausgehen.

Solche Standorte erhalten zusätzliche Aufmerksamkeit, wenn neue Forschungs- und Bildungsangebote in ihrem Umfeld entstehen. Mit den Planungen rund um Computer Science und künstliche Intelligenz in Nürnberg wächst zugleich die Frage, wie Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Unternehmen räumlich voneinander profitieren können. Bestehende Gewerbe- und Technologiegebiete können dabei einen Vorteil besitzen: Infrastruktur, Unternehmensnetzwerke und Arbeitsplätze sind bereits vorhanden und müssen nicht vollständig neu geschaffen werden.

Der tägliche Arbeitsweg entscheidet mit über die Qualität eines Quartiers

Eine hochwertige Umgebung verliert schnell an Wirkung, wenn sie nur schwer erreichbar ist. Viele ältere Gewerbegebiete wurden auf den Autoverkehr zugeschnitten. Das entsprach ihrer Entstehungszeit, führt heute jedoch zu Problemen. Zu Arbeitsbeginn treffen große Verkehrsströme auf wenige Zufahrten, Parkflächen beanspruchen erhebliche Grundstücksanteile und Beschäftigte ohne eigenes Auto sind auf passende Bus- oder Bahnverbindungen angewiesen.

Deshalb gehört Mobilität zu den großen Aufgaben bei der Weiterentwicklung solcher Gebiete. Dabei geht es nicht darum, ein Verkehrsmittel vollständig durch ein anderes zu ersetzen. Produktionsbetriebe, Lieferverkehr und Beschäftigte mit langen Pendelwegen werden auch künftig auf Straßen angewiesen sein. Gleichzeitig können bessere Radverbindungen, dichtere Busangebote und verlässliche Anschlüsse an den Schienenverkehr Alternativen schaffen.

Besonders relevant ist der letzte Abschnitt des Arbeitswegs. Eine nahe gelegene Bahnstation hilft wenig, wenn von dort noch mehrere Kilometer ohne passende Verbindung zurückgelegt werden müssen. Umgekehrt kann ein abgestimmter Busverkehr einen Standort plötzlich auch für Beschäftigte attraktiv machen, die bislang auf das Auto angewiesen waren.

Parkplätze werden Teil einer größeren Flächendebatte

Mit veränderten Mobilitätsgewohnheiten rücken auch große Stellplatzflächen in den Blick. Ein ebenerdiger Parkplatz benötigt viel Fläche und erfüllt meist nur eine Funktion. Auf Grundstücken, die zunehmend wertvoller werden, wächst deshalb das Interesse an kompakteren Lösungen.

Parkhäuser können Flächen bündeln. Stellplätze lassen sich mit Ladeinfrastruktur verbinden. Dächer bieten Raum für Photovoltaik. Gleichzeitig können ehemalige Parkplatzflächen langfristig für neue Gebäude, Grün oder andere Nutzungen infrage kommen, wenn sich der tatsächliche Bedarf verändert.

Solche Veränderungen geschehen selten auf einen Schlag. Gewerbegebiete entwickeln sich über Jahrzehnte. Gerade deshalb bietet ihre schrittweise Weiterentwicklung Chancen: Einzelne Gebäude werden saniert, Freiflächen neu gestaltet, Baulücken geschlossen und Verkehrsangebote verbessert. Aus vielen kleineren Eingriffen kann mit der Zeit ein grundlegend anderes Quartier entstehen.

Grün wird vom Schmuck zur Infrastruktur

Auch Grünflächen erhalten in Arbeitsgebieten eine neue Funktion. Bäume und bepflanzte Flächen verbessern nicht nur die optische Wirkung. Sie können Schatten spenden, die Aufheizung versiegelter Flächen mindern und Regenwasser aufnehmen. Angesichts häufiger heißer Sommertage wird das gerade auf stark versiegelten Gewerbegrundstücken zunehmend relevant.

Für Beschäftigte kommt ein weiterer Nutzen hinzu. Grünflächen schaffen Orte für Pausen und kurze Wege im Freien. Ein zehnminütiger Spaziergang zwischen zwei Terminen benötigt keinen großen Landschaftspark. Oft reichen gut verbundene Wege, Bäume und kleinere Aufenthaltsbereiche, damit der Außenraum tatsächlich genutzt wird.

Das verändert auch den Blick auf vermeintlich unproduktive Fläche. Ein Grundstück ist nicht automatisch effizient genutzt, wenn jeder freie Quadratmeter bebaut oder asphaltiert wurde. Ein attraktiver Außenraum kann die Qualität des gesamten Standorts erhöhen und gleichzeitig zur Anpassung an höhere Temperaturen und Starkregen beitragen.

Neue Quartiere entstehen häufig im Bestand

Die interessantesten Veränderungen müssen nicht auf unbebauten Flächen stattfinden. Gerade bestehende Gewerbegebiete bieten erhebliches Potenzial. Straßen und Leitungen sind vorhanden, Gebäude stehen bereits und Unternehmen sind angesiedelt. Statt neue Flächen am Stadtrand zu erschließen, können Kommunen und Eigentümer untersuchen, wie vorhandene Standorte intensiver und zugleich besser genutzt werden können.

Das kann bedeuten, niedrige Gebäude durch mehrgeschossige Neubauten zu ersetzen, ungenutzte Grundstücksteile zu bebauen oder ältere Immobilien energetisch zu modernisieren. Ebenso wichtig sind Veränderungen zwischen den Gebäuden: sichere Fußwege, zusätzliche Bäume, bessere Beleuchtung, Fahrradabstellplätze oder kleine öffentliche Bereiche.

Eine solche Entwicklung verlangt Geduld. Grundstücke gehören unterschiedlichen Eigentümern, Mietverträge haben lange Laufzeiten und Unternehmen benötigen Planungssicherheit. Anders als bei einem vollständig neuen Stadtviertel lässt sich ein bestehendes Gewerbegebiet deshalb kaum aus einem Guss verändern.

Gerade diese langsame Entwicklung kann jedoch ein Vorteil sein. Verbesserungen lassen sich ausprobieren, Nutzungen können sich an Nachfrage und wirtschaftliche Veränderungen anpassen. Ein Quartier entsteht schrittweise und muss nicht bereits am ersten Tag eine endgültige Form besitzen.

Nicht jedes Gewerbegebiet muss zum Wohnviertel werden

Bei der Diskussion über gemischte Quartiere entsteht schnell der Eindruck, Wohnen müsse überall hinzukommen. Das wäre jedoch zu kurz gedacht. Viele Gewerbe- und Industriestandorte benötigen Schutzräume für wirtschaftliche Nutzung. Produktion, Lieferverkehr oder nächtliche Betriebszeiten lassen sich nicht ohne Konflikte direkt mit Wohnungen kombinieren.

Die Weiterentwicklung eines Arbeitsortes kann deshalb auch ohne Wohnnutzung gelingen. Gastronomie, Dienstleistungen, Grün, Sportangebote, Forschung, Weiterbildung oder Veranstaltungsräume können zusätzliche Funktionen schaffen, ohne die wirtschaftliche Nutzung des Gebiets infrage zu stellen.

Entscheidend ist die passende Mischung für den jeweiligen Standort. Ein Technologiecampus benötigt andere Angebote als ein Logistikzentrum. Ein innerstädtisches Bürogebiet entwickelt sich anders als ein Gewerbepark an einer Autobahn. Erfolgreiche Quartiersentwicklung beginnt deshalb nicht mit einem universellen Rezept, sondern mit der Frage, welche Menschen und Unternehmen einen Ort tatsächlich nutzen.

Auch Kommunen müssen Gewerbegebiete anders betrachten

Für Städte und Gemeinden verändert sich damit die planerische Aufgabe. Gewerbegebiete können nicht ausschließlich danach bewertet werden, wie viele Unternehmen sich dort ansiedeln und wie viel Gewerbefläche verfügbar ist. Ihre Erreichbarkeit, Energieversorgung, digitale Infrastruktur und Qualität als Arbeitsort beeinflussen langfristig ebenfalls die wirtschaftliche Entwicklung.

Hinzu kommt der sparsame Umgang mit Boden. Neue Gewerbeflächen stehen häufig in Konkurrenz zu Landwirtschaft, Natur, Wohnungsbau oder anderen kommunalen Vorhaben. Bestehende Gebiete besser zu nutzen, kann deshalb attraktiver sein, als immer neue Areale auszuweisen.

Eine höhere Nutzungsdichte muss dabei nicht zwangsläufig schlechtere Bedingungen bedeuten. Mehrgeschossige Gebäude können zusätzliche Fläche schaffen, während gleichzeitig Raum für Grün erhalten bleibt. Gemeinsam genutzte Einrichtungen können einzelne Unternehmen entlasten. Mobilitätsangebote lassen sich leichter betreiben, wenn genügend Beschäftigte sie nutzen.

Aus dieser Perspektive wird das Gewerbegebiet zu einem langfristigen Entwicklungsraum. Es ist nicht fertig, nur weil alle Grundstücke einmal vergeben wurden. Wie Wohnviertel oder Innenstädte muss auch ein Wirtschaftsstandort an veränderte Bedürfnisse angepasst werden.

Arbeitsorte werden wieder ein Stück Stadt

Die Zukunft des Gewerbegebiets liegt vermutlich weder im vollständig abgeschotteten Arbeitsareal noch in der vollständigen Auflösung wirtschaftlicher Standorte zugunsten gemischter Wohnviertel. Vielmehr entsteht eine größere Vielfalt. Produktionsstandorte werden weiterhin andere Strukturen benötigen als Forschungs- und Bürostandorte. Logistik braucht andere Flächen als Softwareentwicklung. Gleichzeitig wächst bei vielen Arbeitsorten der Anspruch, mehr zu leisten als lediglich Gebäude und Stellplätze bereitzustellen.

Damit kehrt auf gewisse Weise etwas zurück, das ältere Städte selbstverständlich kannten: Arbeiten ist Teil des städtischen Lebens. Der Unterschied besteht darin, dass moderne Unternehmen andere Flächen, technische Netze und Verkehrsverbindungen benötigen als Handwerksbetriebe früherer Jahrhunderte. Die Herausforderung besteht deshalb darin, wirtschaftliche Anforderungen und städtische Qualität miteinander zu verbinden, ohne die Besonderheiten einzelner Nutzungen zu ignorieren.

Wo dies gelingt, verändert sich die Wahrnehmung eines Gewerbegebiets. Aus einer Adresse, die morgens angefahren und abends verlassen wird, kann ein Ort entstehen, an dem Menschen sich begegnen, Wissen austauschen und ihren Arbeitstag verbringen, ohne für jede kleine Erledigung das Gebiet verlassen zu müssen. Grünflächen werden genutzt statt nur betrachtet, Mobilität wird vielfältiger, Forschung und Unternehmen rücken näher zusammen.

Für Kommunen steckt darin eine große Chance. Gerade weil neue Flächen knapp sind, gewinnen bestehende Wirtschaftsstandorte an Wert. Ihre Erneuerung kann neue Arbeitsplätze ermöglichen, ohne zwangsläufig immer weitere Flächen am Stadtrand zu beanspruchen. Gleichzeitig können bessere Freiräume, moderne Gebäude und neue Verkehrsangebote die Qualität für diejenigen erhöhen, die bereits dort arbeiten.

Der Wandel vom Gewerbegebiet zum Arbeitsquartier ist deshalb keine kosmetische Modernisierung. Er spiegelt tiefgreifende Veränderungen der Wirtschaft und des Alltags wider. Arbeit ist mobiler geworden, Wissen und Austausch haben für viele Branchen an Gewicht gewonnen, Unternehmen konkurrieren stärker um Fachkräfte und Städte müssen mit Fläche bewusster umgehen. Gewerbegebiete, die auf diese Entwicklungen reagieren, werden auch künftig wichtige Wirtschaftsstandorte bleiben. Sie werden nur anders aussehen als jene Areale, die vor mehreren Jahrzehnten geplant wurden.

Am Ende geht es weniger darum, jedes Gewerbegebiet in ein neues Stadtviertel zu verwandeln. Es geht darum, Arbeitsorte nicht länger als isolierte Inseln zu betrachten. Sobald mehrere tausend Menschen täglich an einem Ort zusammenkommen, entsteht ohnehin ein Stück Stadt. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, dieses Stück Stadt so zu gestalten, dass wirtschaftlicher Erfolg, funktionierende Infrastruktur und ein gutes Arbeitsumfeld nicht nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig stärken.

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